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Predigt am Sonntag Reminiscere 12. 03. 2017 

Liebe Gemeinde,

„Den Ausweis bitte.“ Inzwischen hören wir diese Aufforderung nur noch selten. Zöllner und Grenzer winken einen durch beim Übergang in ein Nachbarland. Pass und Bordkarte aber hat man automatisch bei der Hand beim Betreten des Flughafenterminals. Sich auszuweisen ist kein Thema mehr.

Natürlich hat jeder einen Ausweis. Aber er braucht ihn im Allgemeinen kaum. Und eine Gesichtskontrolle ob der vor einem Stehende mit dem Bild identisch ist, ist beinahe undenkbar. Wie gesagt: hierzulande. Bei einem Flug in die Staaten kann das schon anders aussehen.

Verschwunden sind also die skeptischen Blicke, ob da einer passier-berechtigt ist, ob einer würdig ist, das Land zu betreten. Vergangen ist der Schreck, wenn man seinen Pappendeckel – heute eine bruchsichere Plastikkarte – nicht sogleich fand und man mit Scherereien oder dem Einreiseverbot rechnen musste. Auch wir sind schon einmal in die Schweiz gefahren und haben nicht dran gedacht uns vielleicht ausweisen zu müssen. Es wird schon auch ohne gehen. Und es ging auch -  ausnahmsweise, weil es niemand genau nahm.

Jesus hatte keinen Ausweis. Brauchte er auch nicht, wo er ständig im Landesinneren unterwegs war. Oder vielleicht doch – an Zollstationen? Beim Übergang in einen anderen Landstrich, in dem ein anderer Fürst herrschte?

Doch nicht dieser Ausweis war gefragt. Keine bürgerliche Identitäts-karte, auf der Größe und Augenfarbe vermerkt sind. Von Jesus wollte man eine andere Auskunft. Er sollte sich anders ausweisen.

Ich lese aus dem Matthäusevangelium Kapitel 12 die Verse 38 bis 42.   

                        Text:    Matth. 12, 38- 42

38 Da antworteten ihm einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern und sprachen: Meister, wir wollen ein Zeichen von dir sehen.

39 Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht fordert ein Zeichen, und es wird ihm kein Zeichen gegeben werden außer dem Zeichen des Propheten Jona.

40 Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein.

41 Die Leute von Ninive werden auftreten beim Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona.

42 Die Königin vom Süden wird auftreten beim Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen; denn sie kam vom Ende der Erde, Salomos Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.

 

Liebe Gemeinde,

„Wir möchten gerne ein Zeichen von dir sehen.“ Das bitten Pharisäer und Schriftgelehrte. Und Jesus reagiert schroff, abweisend, beleidigend beinahe. Nicht nur die, die ihn befragt haben, sondern alle, die dabei sind, alle zurzeit lebende Menschen nennt er ein böses und abtrünniges Geschlecht. In Bausch und Bogen. Einer wie der andere. Da ist kein guter darunter, nicht einer. In großer Erregung oder in großem Schmerz kann einer alles in Grund und Boden verdammen. Dann wenn einer verletzt ist, weil man ihn verlacht oder nicht auf ihn hört. Dann, wenn einer das Gefühl hat, abgeschrieben zu sein, ausgestoßen zu sein. „Ihr seid ja alle zu blöd.“ Das ist der letzte Aufschrei, bevor einer allein da steht. Bevor niemand mehr mit demjenigen etwas zu tun haben will.

Ist Jesus so weit? Oder ist sein Zorn sogar ganz berechtigt, ein heiliger Zorn, der wachrütteln will sozusagen. Jesus, der diesen Einfaltspinseln einmal Bescheid gibt. Und wo stehen wir da?

Gib uns ein Zeichen, fordern Jesu Gegner. Ein Zeichen, das etwas über dich, Jesus, aussagt. Das kann wie ein Ausweis verstanden werden. Schon an anderer Stelle wurde Jesus gefragt: Mit welcher Vollmacht tust du das? Und Jesus antwortete: aus der Vollmacht dessen, der mich gesandt hat – und meinte Gott damit. Das ist keine Antwort, fanden die Pharisäer. Behaupten kann einer viel. Gib uns ein wirkliches Zeichen. Oder warum nicht gleich: Tue ein Wunder. Zeig was, mach was vor. Verwandle dich in etwas anderes. Oder sei doppelt da. Oder mache dich unsichtbar.

Zweierlei fällt auf. Das eine ist das süßliche Säuseln der Gegner, der Feinde: Meister, wir hätten gerne ein Zeichen von dir. Gespielte Ehrerbietung ist herauszuhören. Unterwürfig tut man so, als ob man etwas Außerordentliches erwartet. Das andere aber ist das Feixen im Verborgenen. Natürlich kann er das nicht. Selbstverständlich muss er hier passen. Da haben wir ihn. Und wir haben ihn gestellt und entlarvt als Lügner. Bis zuletzt, bis zum Kreuz bekommt Jesus das zu hören. Steig doch herab vom Kreuz, wenn du Gottes Sohn bist. Aber du bist es ja gar nicht, darum kannst du es nicht.

Liebe Gemeinde, die Zeichenforderungen sind auch für unsere Zeit nicht aus der Welt. Wie anders wäre es zu erklären, dass mit so großem Interesse und öffentlicher Aufmerksamkeit wie vor einiger Zeit geschehen, ein Grab begutachtet wurde, in dem angeblich Jesu Leichnam mit noch einer anderen Person darin liegen sollte. Heute – sicher aber auch schon damals – heißen solche Zeichen schlichtweg Beweis. Gebt uns einen Beweis, dass Jesus überhaupt gelebt hat. Von all dem anderen einmal ganz zu schweigen. Dem vorherigen Papst wurde sein Jesusbuch förmlich aus den Händen gerissen. Der muss es ja wissen. Gib uns ein Zeichen. Immer wieder.

Und wie ist das nun ganz persönlich? Den Paulus hielte ich schon für beneidenswert, der ein helles Licht und eine Stimme gehört hat und mit einem Mal wusste, Christus steht vor ihm. Aber schon Paulus hat das, was er erlebt hat für einen Abklatsch gehalten gegenüber dem, was die wahren Jünger und Apostel erlebt haben. Im Vergleich mit ihnen hat er nichts gesehen.

Und was haben die Jünger gesehen? Einen, der mit ihnen wanderte. Einen der von Gott in manchmal nicht ganz verständlicher Weise sprach. Einen, den die Obrigkeit für gefährlich genug hielt, dass sie ihn aburteilte. Einen, der, als man sein Grab aufsuchte, dort nicht mehr zu finden war. Mehr als einen Menschen sahen die Jünger auch nicht. Aber Mensch zu sein ist kein Zeichen, ist kein Beweis für etwas anderes, für das er steht. Der Mensch ist kein Beweis für Gott.

Dass ein Mensch vor ihm steht, sieht auch der Zöllner an der Grenze. Aber das reicht ihm nicht. Er will wissen, welcher Mensch das ist, ob er nicht ein anderer ist. Er will ihn identifizieren. Jeder „user“ in unserer Computerwelt muss sich inzwischen mit zahllosen Passwörtern identifizieren. Wir senden Zeichen, um zugelassen zu werden. Jesus ist nicht zu identifizieren. Ob es unter diesen Umständen nicht viel schwieriger wird, etwas von ihm zu vermitteln?

Ist aber das der Grund für Jesu Unmut. Dass man es wagt von ihm zu verlangen, dass er sich legitimiert?

Wir haben ja auch andere Berichte von Jesus. Im gleichen Kapitel 12 heilt er einen Mann am Sabbat. Jesus sendet ein Zeichen. Aber es ist nicht das der Gesundung eines Menschen, sondern das der Gebotsübertretung, das gleich noch einmal wahrgenommen wird beim Abreißen von Ähren auf dem Weg am Sabbat. Und auch noch im gleichen Kapitel bei Matthäus ist zu finden, dass die Pharisäer darüber beratschlagten wie sie ihn umbringen können. Schon die Tötungsabsicht im Kopf fragen sie: „Meister, können wir nicht ein Zeichen von dir haben.“ Sie fragen es, um ihn entweder bloßzustellen, lächerlich zu machen oder durch die Antwort, die er gibt einen Grund zu kriegen; ihn ans Messer zu liefern. Das allerdings könnte einem bildlich gesprochen unter diesen Umständen aufgehen. Die Schärfe der Worte Jesus sind jetzt kein blindwütiges Zurückschlagen, sondern ein  In -  die – Schranken –  verweisen. Denn er weiß, selbst Gott, wo er persönlich auftritt, würden sie nicht glauben. Auch wenn er alle Zeichenforderung erfüllen würde. Sie wollen an  sich  glauben, an das von ihnen aufgestellte Heiligtum. Sie wollen an den Tempel und die Regeln, die sie geschaffen haben, glauben. Sie wollen daran glauben, dass alles so bleibt in alle Ewigkeit, wie es ist. Und sie wollen glauben, dass nur sie Gott kennen. Und der, der nicht zu ihnen gehört, kennt Gott nicht. Sie wollen nicht ein Zeichen um Jesus mehr zu erkennen. Sie wollen ein Zeichen, um ihn besser ausschließen zu können. Genau über die gleichen Leute stellt Jesus nach  dem Lukasevangelium fest: Wen seid ihr gekommen zu sehen? Johannes der Täufer, der fastete, hieltet ihr für Besessen. Der Menschensohn, der isst und trinkt, den nennt ihr einen Fresser und Weinsäufer. Euch kann man es mit keinem Zeichen recht machen. Und Jesus sagt: Euch werde ich nicht den Gefallen tun, ein Zeichen zu geben, ein Zeichen wie ihr es euch wünscht und das euch dann doch nicht reicht oder das euch zu banal ist.

Wo aber stehen wir? Sind auch wir Teil dieses bösen Geschlechts, argwöhnisch und voller Absicht, hier einem etwas auswischen zu wollen, der uns infrage stellt? Denn einer, der eherne Regeln und das, was guter Brauch ist, hinterfragt, verunsichert. Gibt es nicht auch die Tendenz, dass wir es ganz gut bei dem belassen können, wie es ist. Sonntäglicher Kirchgang ist etwas für die guten Christen. Erst wenn etwas geboten wird, das mich besonders anspricht, also ein Zeichen gesetzt wird, dann will ich mich aufmachen. Solange sich nichts tut bei dieser Kirche, braucht es mich dort auch nicht. Ist es nicht verräterisch, wenn die Hauptpunkte des Aktionsprojekts „Kirche der Freiheit“ ausgerechnet „Leuchtfeuer“ genannt wurden? Dass man endlich etwas sieht, Zeichen in der Nacht, in der dunklen, kirchlichen Stille?

Oder dürfen wir sagen: Nein, wir sind nicht gemeint mit diesen Abtrünnigen. Diese Hinterhältigkeit, diese Häme steckt nicht in uns. Wir lassen Jesus ja in Ruhe. Wir fragen ihn nicht. Wir fordern ihn nicht heraus. Von uns hat er nichts zu befürchten.

Ja, so war das damals auch. Nur wenige waren offene Wortführer. Der Rest aber stand dabei uns schwieg. Zehn oder zwanzig riefen ihr: kreuzigt ihn. Aber hundert standen dabei, die riefen nicht: kreuzigt ihn nicht. Bist du Gottes Sohn, so hilf dir selbst. Sieh zu, wie du diese Widersacher loswirst. Ja – wir wollen das nicht sein, der Jesus etwas zuleide tut.

Zwei Beispiele hebt Jesus allerdings heraus. Das sind zum einen die Bewohner von Ninive. Eine Millionenstadt für damalige Verhältnisse. Keine schlauen Leute wohnen da. Rechts von links können sie nicht unterscheiden. Heiden sind sie, haben nie etwas von Gott gehört. Drunter und drüber ging es bei denen. Lug und Betrug waren an der Tagesordnung. Doch als Jona kam, hörten sie auf seine Predigt und bekannten: es ist ja wahr, was der da sagt. Und sie taten Buße, kehrten um, zerrissen ihre Kleider und streuten sich als Zeichen der Reue Asche aufs Haupt.

Ninive, der Abschaum. Es ist wieder eine Provokation, dass gerade sie als Zeugen auftreten werden gegen das Gottesvolk. Aber Ninive hat auf Gott gehört. Sie haben sich zumindest davon anrühren lassen. Selbst wer mit einem nachdenklichen „Stimmt schon – ohne Gott ist alles irgendwie nichts“ nach Hause geht, ist den entscheidenden Schritt weiter. Den Schritt, nicht in seiner Gleichgültigkeit zu verharren. Den Schritt, nicht alles als bestens geregelt anzusehen. Mein Glaube ist der richtige. Und nur so kann Glaube gelebt werden. – Das stimmt so nicht, sagt Jesus. Ein Zeichen des Jona war es, dass er das Wort Gottes weiter gab. Er redete zu den Menschen. Dieses Zeichen bekommen sie. Auch Jesus redet zu den Menschen. Sie sollen es ihm abnehmen, was er sagt.

So wie die afrikanische Königin aus Saba, die extra zum König Salomo kam um Weisheit zu lernen. Sie traute dem Salomo etwas zu. Sie sagte nicht: Ich bin Königin eines reichen und bedeutenden Landes. Wer soll mir schon etwas sagen. Eigene Stellung, große Bildung, ein reiches Leben brauchen und sollen nicht von Gott abhalten. Wer es hält wie die Königin von Saba, die nicht berufen ist und trotzdem zu Gott kommt, der hat das Richtige ergriffen.

Hat der heilige Zorn von Jesus gegen Pharisäer und Schriftgelehrte etwas genützt? Wir wissen, dass es nicht der Fall war. Auch wenn sie scheinbar höflich fragen, sie meinen es nicht so. Noch aber war es Zeit zu reden. Noch ist es Zeit auf die Rede Jesu zu hören. Noch können auch wir uns anrühren lassen und im Blick auf Jesus sagen: Ich will ihm glauben.

Einen langen Weg sind wir gegangen vom Ausweis, der Legitimation, die Jesus bieten soll, bis zur Wahrheit, die in seinem Wort da ist. Von der Scheinheiligkeit der Gegner bis zur Nachdenklichkeit derer die Glauben suchen. Der Weg ist heute, am zweiten Sonntag der Passionszeit nicht zu Ende. Aber der Weg ist sichtbarer geworden. Lasst ihn uns weiter gehen.

                                                                       Amen