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Predigt am 3. Sonntag nach Epiphanias

Liebe Gemeinde,

„Verlass dich drauf“ – jeder hat diesen Satz schon einmal gehört. Oder er hat ihn vielleicht selber gesagt. „Verlass dich drauf“. Das klingt beruhigend. Wird die Tochter wohlbehalten am Zielort ankommen? Wird es mit der Bewerbung eines Bekannten an einer neuen Stelle klappen? Wird das neu zu beziehende Haus in der vorgesehenen Zeit  fertig sein? Bei solchen Fragen hilft die Ermutigung, doch das Positive anzunehmen. In einer unsicheren Welt wie die heutige ist Verlässlich-keit ein hohes Gut. Dass etwas zu einem guten Ende kommt, dass etwas gelingt, ist wichtig für jeden von uns. Genauso wie es jemanden geben muss, der unsere Zweifel zerstreut. Auch wenn es nur eine so daher gesagte Floskel ist, sie wirkt doch wie eine Belebung und man will sich zusammennehmen oder neu aufraffen, jedenfalls sich nicht fürchten weiter. Verlass dich drauf. Es tut gut, das zu hören.

Nur was ist das? Einfach angewandte Psychologie? Glaube an das Gute und es wird so kommen? Oder hat es nicht vielmehr mit dem Menschen zu tun, der einem hier zuspricht. Wir trauen ihm etwas zu. Er  kann die Dinge richtig einschätzen. Er ist ein Garant. Nur, woher wissen wir das von vornherein?

Das Johannesevangelium erzählt von einer Begegnung Jesu mit einem Hofbediensteten. Und er braucht nicht nur Rat. Er braucht Hilfe. So lesen wir im 4. Kapitel nach Johannes:

Johannes 4, 46 – 53

46 Und Jesus kam abermals nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser zu Wein gemacht hatte. Und es war ein Mann im Dienst des Königs; dessen Sohn lag krank in Kapernaum.

47 Dieser hörte, dass Jesus aus Judäa nach Galiläa kam, und ging hin zu ihm und bat ihn, herabzukommen und seinem Sohn zu helfen; denn der war todkrank.

48 Und Jesus sprach zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.

49 Der Mann sprach zu ihm: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt!

50 Jesus spricht zu ihm: Geh hin, dein Sohn lebt! Der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin.

51 Und während er hinabging, begegneten ihm seine Knechte und sagten: Dein Kind lebt.

52 Da erforschte er von ihnen die Stunde, in der es besser mit ihm geworden war. Und sie antworteten ihm: Gestern um die siebente Stunde verließ ihn das Fieber.

53 Da merkte der Vater, dass es die Stunde war, in der Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er glaubte mit seinem ganzen Hause.

54 Das ist nun das zweite Zeichen, das Jesus tat, als er aus Judäa nach Galiläa kam.

 

Liebe Gemeinde,

sind Sie nicht auch innerlich kurz zusammengezuckt wie ich bei den Worten Jesu: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht? Als hätte der Mann vor ihm darum gebeten, dass Wasser aus einer Felswand entspringen möge. Oder dass Jesus seine Gedanken erraten solle. Oder dass er ihm ungeahnte Kräfte verleihen möge. Nicht umsonst wird darauf hingewiesen, dass Jesus in der Stadt, in der er gerade war, schon einmal ein Wunder vollbracht hat. Wasser in Wein hat er verwandelt, bei der Hochzeit. Und seitdem ist Jesus in Kana bekannt als der, der alles kann und von dem man noch mehr zu erwarten hat als das bislang erlebte. So etwas verfolgt einen, wenn man mal solche Aufmerksamkeit erregt hat. Da kommt der Wunder-rabbi wieder. Wir wollen sehen, mit was er uns dieses Mal in Erstaunen versetzt. Dabei hat Jesus nur zeigen wollen, dass es in seiner Nähe an nichts einen Mangel haben soll. Und sei es so etwas Zweitrangiges wie der Wein auf einem Fest. Aber die Leute verstanden es nicht.

Und jetzt war da wieder einer, der sprach: Mach meinen Sohn gesund. Gespannt warten die Menschen: Wird er es machen? Geht er nach Kapernaum? Ist Jesus bereit, wieder das Unmögliche zu versuchen – und wird es ihm auch gelingen?

Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht, sagt Jesus.

Es ist nun einmal so: Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind. So heißt es schon in Goethes Faust. Wie sähen die Evangelien aus, wenn alle Wunder in ihnen weggelassen würden? Hätte Jesus überhaupt diesen Aufmerksamkeitsgrad erreicht? Waren es nicht die spektaku-lären Dinge, die den Zulauf der Leute brachten? Und galten Jesu Wunder nicht doch auch als Ausweis seiner göttlichen Kraft? Der Himmel hat ihm diese Macht gegeben. Doch Jesus lässt ganz besonders im Johannesevangelium keinen Zweifel daran dass er den Willen seines Vaters tut. Glaubt an ihn und glaubt nicht an Wunder. So ist Jesu Botschaft. Aber es sind die Worte Jesu so viel weniger einprägsam als eben ein Zeichen, eine übernatürliche Tat. Der aus Wasser verwandelte Wein, der ist reell. Alles andere sind demgegen-über nur Absichtserklärungen: Gottes Reich, seine Güte, das Heil für die Menschen. In diesem Dilemma stecken wir immer mit unserem Glauben: im Dilemma der mangelnden Sichtbarkeit. Wo zeigt es sich denn, dass euer Glaube etwas bewirkt? Wo verwandelt er denn Menschen, dass sie ihres Lebens froh werden, oder zur Vernunft kommen, oder, oder... Was erwarten wir überhaupt vom Glauben? Er soll eben doch ein Wundermittel sein, das gegen alles hilft.  Vor Anwendung bitte drei Mal schütteln. Und so wird Glaube wohl doch gerade entwertet. Er soll so Zwecken dienen, die höher angesetzt werden als der Glaube selbst. Wenn der Glaube die Menschen friedlicher machen würde, wäre ein solcher weiterer Gedanke. Der Friede scheint ein größeres Gut als der Glaube selbst. Wie plausibel hört sich das doch an, gerade in unserer Welt. Friede soll herrschen. Wenn der Glaube, wenn die Kirche dazu beitragen kann, soll’s recht sein. Aber von da kommt ja am wenigsten. Worte eben. Na ja.

Nun ist es aber so, dass der, der glaubt, ein friedliebender Mensch ist; aus seinem Glauben heraus. Er muss also den Frieden nicht herbei-beten. Er trägt ihn in sich. Er muss nicht dafür sorgen, dass ein Wunder der Gewaltlosigkeit geschieht. Er braucht nur den Glauben, wer auf Gottes Spur kommt, wird sich wandeln.

Darum sagt Jesus: Ihr wollt nur die Wirkung sehen. Aber ihr wollt nicht auf den Grund kommen. Das ist Glaube, der an Krücken geht.

Nun, unser Mann, der hier zu Jesus geht, weil sein Sohn krank ist, der lässt sich nicht beirren. Wo kommt er her? Ist er überhaupt ein Jude? Ein Bediensteter des Königs, heißt es, wäre er. Jemand höher Gestelltes also. Einer, der sich einiges leisten kann; auch Ärzte. Die besten natürlich für seinen Sohn. Hat er aber nicht. Er kommt zu Jesus. Wahrscheinlich denkt er weder an ein Wunder noch geht ihn der Glaube etwas an. Hilfe ist gefragt, schnelle Hilfe. Jesus war die nächste ( oder die letzte ?) Möglichkeit. Mein Sohn stirbt. Gewissermaßen war das auch nur sein höchstes, sein einziges Anliegen. Vom See Genezareth bricht er auf, steigt in die bergige Landschaft hinauf, macht sich auf den Weg in das 25 Kilometer entfernte Kana. Er kennt keine Hemmung und keine Scheu, Jesus zu bitten, diese Tagesreise mit ihm zu unternehmen um mit ihm nach Kapernaum zurück zu gehen. Ein vages Unternehmen. Allein schon, dass es unsicher war, ob Jesus überhaupt noch anzutreffen ist in der Stadt oder ob er schon weiter gewandert ist. Das alles ist vielleicht zu bedenken um zu verstehen was dann geschieht. Umsonst ist nämlich der Mann gekommen. Jesus geht nicht mit. Er lässt sich nicht bewegen in das Haus des Hofbeamten zu kommen. Vielleicht liegt darin ein Grund. Ein Fremder ist er. Einer aus einer anderen Welt. In so viele Häuser ist Jesus gegangen. In seines geht er nicht. Er hätte es sich von vornherein denken können. Oder von anderen hören: Jesus ist für die kleinen Leute da. Denen hilft er. Geh einen guten Arzt suchen, da bist du besser bedient. Hat ihn Jesus überhaupt richtig verstanden. Da kommt der Mann, verzweifelt über die Krankheit seines Sohnes. Jesus aber spricht von angeforderten Zeichen und Wundern, von denen von diesem Mann aus nie die Rede war. Eindringlich spricht er, es geht um Leben und Tod. Und Jesus?

Jesus sagt zu ihm: Geh hin, dein Sohn lebt. – Stille. Zwei Männer, Auge in Auge. Aber man muss doch was tun! Immer noch Stille. Und da ist es dann mit Händen zu greifen: Verlass dich drauf. Auf mein Wort hin geh, und du wirst sehen. Frage nichts weiter, kein wie und kein Warum.

Auch Jesus sagt nichts weiter. Nicht wie an anderen Stellen: Dein Glaube hat dir geholfen. Da war noch kein Glaube. Da war nur Erwartung. Und? Was wurde daraus? Der Mann hätte umkehren können. Pech gehabt, hätte er sagen können. Oder: Ein Versuch war’s wert. Oder: Auch dieser Jesus wird maßlos überschätzt. Und zu Hause hätte er seinen toten Sohn begraben können.

Aber der Mann machte gewollt oder ungewollt etwas anderes. Er verließ sich auf Jesus. Warum? Warum geschieht so etwas in solche einem Moment. Ist es die Ausstrahlung, die Jesus hat. So wie auch wir dieses „Verlass dich drauf“  nur besonderen Menschen abnehmen. Oder ist es doch ein Anstoß, der in diesem Moment von ganz woanders her kam. Unbestimmbar und unerklärbar. Und ganz genau wusste niemand, ob jetzt alle Zweifel beseitigt waren oder ob da gerade ein gewaltiges Vertrauen in Windeseile gewachsen war. Nur eines war klar: Es war nicht der Wille, es war nicht die Überlegung, es war keine Taktik, keine Berechnung, der dieses Ja folgte. Ja, ich verlass mich darauf. Denn selbst dieses Bekenntnis fällt nicht. Nicht wie bei Petrus, der nach einer Nacht ohne Fang zu Jesus sagte: Auf dein Wort, Herr, werfe ich die Netze noch einmal aus. Geh, sagt Jesus. Und dieser Mann ging. Nichts mehr. Denn dass dieser Mann in diesem Moment glaubte, das wurde ihm erst später bewusst. Wenn wir wirklich glauben, wissen wir nämlich nichts von unserem Glauben. Wir können es nur Gott überlassen, ihn in uns zu wirken.

Das Wunder, das gab es erst am nächsten Tag. Als die Knechte dem hohen Herrn entgegen gingen und sagten: Dein Kind lebt. Und in Kana bekam es schon gleich gar niemand mit, dass tatsächlich ein neues Wunder geschehen war. Nur der Mann erkannte: Aus dem Glauben war das Wunder möglich. Und nicht das Wunder hat zum Glauben geführt.

Verlass dich drauf, so wird uns gesagt. Von Menschen, die uns etwas bedeuten. Von Jesus, der uns nahe kommen will. Von Glaubens-brüdern und Glaubensschwestern, die uns auf Gottes Güte hinweisen wollen. Kann ich das? Mich drauf verlassen?

Wir hören vielleicht zu viele Worte. Botschaften aus allen Richtungen. Viele wollen, dass wir auf sie hören, ihnen abnehmen was sie sagen.

Nicht um uns zu helfen, sondern um selbst nicht in Vergessenheit zu geraten. Verlass dich drauf. Ich sage es dir, ich! Und dann wird versprochen und wird beteuert. Einzig die Stille fehlt. Die Stille, die es da zwischen Jesus und diesem Mann gab. In ihr geschieht die Verwandlung. Und trotzdem sieht es so aus, als geschähe nichts. Gerade das ist auszuhalten. Das eigene Tun muss ruhen, damit Gott wirken kann. Der fremde Mann hatte es aus irgendeinem Grund begriffen. Oder sagen wir doch, er hat es begriffen, weil Gott es ihm eingab. Ihm, einem Unbekannten, einem, der vielleicht gar nicht dieser Religion angehörte.  Aber der Glaube kann auch den Fernsten erreichen. Wer kommt, woher er auch sei, und glaubt, der findet Aufnahme bei Gott.

Glaube baut nicht auf Wunder. Sie begleiten den Glauben nur. Glaube baut auf das unbedingte Vertrauen. Wenn es das nicht gäbe, ginge jedes „Verlass dich drauf“ ins Leere. Wir wissen oft nicht wie wir das im Glauben hinbekommen sollen, dass hier Sicherheit wächst, dass wir uns von anderem losmachen können, dass diese einzige Möglichkeit gesehen wird und wir ja sagen. Aber Gott baut uns die Brücke. Noch ehe wir es selber wissen, betreten wir sie. So wie auch der Fremde erst zum Schluss erkennt, dass er nicht nur einen Rückweg durch die berge angetreten ist, sondern dass er im Glauben seinen Weg gezogen ist. Glaube, der ihn getragen hat.

Dürfen wir zum Schluss gefragt nicht von uns selbst aus sagen: Ja, ich will mich darauf verlassen? Doch, das dürfen wir. Wenn es vom Herzen kommt und weil wir längst erfahren haben, dass Jesus uns das Richtige sagt, können wir sagen: „Ich weiß, ich kann mich darauf verlassen.“ Und es ist vielleicht die noch schönere Seite des Glaubens, nicht nur zu empfangen, sondern auch Ja sagen zu können. Ja, alles kommt von dir, Christus. Und ja, ich will es glauben.

                                                                                               Amen